Reine Sprache – reine Illusion?

Wer heutigen Jugendlichen zuhört, fragt sich womöglich, ob die Sprache, die sie verwenden, überhaupt noch Deutsch ist. Stark von englischen Begriffen oder Wörtern aus sozialen Medien geprägt, ist die Redeweise vieler Jugendlichen für Erwachsene kaum verständlich. Wie oft fragen Lehrer oder Eltern nach der Bedeutung jugendlicher Umgangssprache? Wie oft erntet man einen schiefen Blick von einer älteren Person, wenn man ein Jugendwort verwendet hat? Und kann Jugendsprache, die überwiegend von nicht-deutschen Begriffen geprägt ist, den Verfall der deutschen Sprache zur Folge haben? Unter anderem mit diesem Thema beschäftigt sich der Sprachpurismus.

Sprachpurismus im kulturellen und historischen Zusammenhang

Um festzustellen, ob Sprachpurismus sinnvoll ist, müsste man zuerst einmal definieren, was Sprache ist. Sprache ist in erster Linie ein komplexes System der Kommunikation und Verständigung. Sie erfüllt aber auch epistemische und kognitive Funktionen. Sie gibt die Möglichkeit, Gedanken, Gefühle und Empfindungen – unsere gesamte Wahrnehmung der Realität – zu artikulieren und ist ein wichtiger Bestandteil dessen, wie wir die Realität überhaupt wahrnehmen.

Der Grund, weshalb Sprache entstanden ist, bleibt bis heute ein ungelöstes Rätsel, da der genaue Zeitraum von Sprachentstehung aufgrund mangelnder empirischer Belege nur schwer definiert werden kann. Jedoch wird vermutet, die Vorfahren des modernen Menschen könnten bereits vor 1,5 Millionen Jahren eine gewisse Sprechfähigkeit entwickelt haben. Vermutlich besaß aber erst der Homo Sapiens (vor ca. 150 000 Jahren) die Fähigkeit zu sprechen, auch aus Notwendigkeit, komplexere Bedürfnisse zu kommunizieren.

Sprachpurismus ist die Überzeugung, eine jeweilige Sprache vor fremden Einflüssen – besonders Fremdwörtern – bewahren oder davon „reinigen“ (lat. purus=rein) zu müssen. Es ist der Wunsch, Neologismen oder Fremdwörter aus der jeweiligen Sprache zu entfernen, um die Sprache als „ursprünglich“ oder „korrekt“ zu bewahren. Im Falle von deutschem Sprachpurismus ist es üblich, neue deutsche Wörter, die anstelle der Fremdwörter benutzt werden sollen, zu erfinden.

Erste Fälle von deutschem Sprachpurismus tauchten bereits im 17. Jahrhundert auf, als 1617 die Fruchtbringende Gesellschaft, die erste deutsche Sprachgesellschaft, die Fremdwörtern entgegenwirken wollte, gegründet wurde. Damals war es üblich, im Adel französisch zu sprechen. Auch Intellektuelle und die Mittelschichten der damaligen Gesellschaft sprachen oft die französische Sprache. Die Fruchtbringende Gesellschaft und spätere, weitere Sprachgesellschaften machten es sich zur Aufgabe, dem entgegen zu wirken. Somit kam es dazu, dass solche Sprachgesellschaften es in einigen Fälle schafften, französische und lateinische Wörter einzudeutschen. Einige Beispiele von solchen eingedeutschten Wörtern sind Bücherei (anstatt von Bibliothek), Leidenschaft (anstatt von Passion), Randbemerkung (anstatt von Marginalie) oder Tagebuch (anstatt von Journal). Die Eindeutschung dieser Wörter war also ein Erfolg – wir benutzen sie ja. Auch heute noch werden von Sprachpuristen Wörter erfunden, die heutzutage meist Anglizismen ersetzen sollen. Ein erfolgreiches Beispiel hierfür wäre „herunterladen“ anstatt „downloaden“. Jedoch gibt es auch Begriffe, die sich nicht durchsetzen konnten, so beispielsweise „Weltnetz“ für „Internet“.

Doch ist Sprachpurismus wirklich sinnvoll?

Viele sind der Meinung, dass Anglizismen und Fremdwörter zu einer Verarmung der deutschen Sprache führen könnten. Oder dass die Sprachstruktur durch Fremdwörter vernachlässigt wird. Für deutsche Sprecher und Personen, die kein Englisch beherrschen (z.B. viele alte Personen) würden neue eingedeutschte Wörter die Verständlichkeit von Texten, Nachrichten und allem, was Sprache beinhaltet, erleichtern. Außerdem birgt eine Sprache sehr viel kulturelle und nationale Identität. Es ist nicht selten so, dass man einen deutschen Satz nicht wirklich in eine andere Sprache übersetzen kann, ohne das etwas, was man manchmal nur schlecht definieren kann, verloren geht. Der Satz oder das Wort erzeugt nicht das gleiche Gefühl, wie es das zuvor im Deutschen getan hat. Im Zeitalter der Kolonialisierung, zum Beispiel während der Besetzung von Süd- und Mittelamerika im 15. und 16. Jahrhundert durch Spanier und Portugiesen wurden hunderte der indigenen Sprachen und Kulturen ausgelöscht.

Aber Deutschland ist weit weg von solch einem Szenario und viele halten Sprachpurismus für eine Art von „sprachlichem Rassismus“ – die Überzeugung, eine Sprache „rein“ halten zu müssen, würde darauf hindeuten, dass andere Sprachen unrein oder minderwertig seien. So wird Sprachpurismus mit Nationalismus und einer gewissen Fremdenfeindlichkeit verbunden. Die meisten Linguisten sind der Meinung, dass Sprachpurismus sinnlos ist, weil Sprache ein sich konstant wandelndes Kommunikationsmittel ist, das dem vorliegenden kulturellen Kontext angepasst werden kann, anstatt ein starres, fixiertes Konstrukt zu sein. Wenn man also in Betrachtung zieht, dass Sprache sich schon immer geändert hat, so muss man auch davon ausgehen, dass sich Sprache auch in Zukunft weiter wandeln wird, und somit ist es zwecklos, den Wandel verhindern zu wollen. Außerdem kann der Einfluss von Anglizismen und Ähnlichem sogar bereichernd auf eine Sprache wirken. Genauso wie man manche deutsche Ausdrücke nicht in andere Sprachen wie Englisch übersetzten kann, kann man manche englische Ausdrücke nicht in ihrem unverfälschtem kulturellen Kontext übersetzen, also warum sollte man nicht das englische Wort benutzen, um der ursprünglichen Intention und Bedeutung des Wortes treu zu bleiben?

Fazit

Betrachtet man die darlegenden Argumente, so kommt man zu dem Schluss, dass Sprachpurismus keinen Zweck hat und dem natürlichen Wandel von Sprache nicht entgegenwirken kann. Zurückgreifend auf unsere bereits festgestellte Definition von Sprache, würde ich ebenfalls einwenden, dass wir Sprache, passend zu unseren Bedürfnis, etwas Spezifisches ausdrücken zu wollen, anpassen können. Einerseits besteht Sprache zwar aus Regeln, andererseits kann man sie nicht als ein festgesetztes Konstrukt, wie etwa die Mathematik, betrachten, wenn der eigentliche Sinn von Sprache ist, etwas in Begriffe zu fassen und kommunizieren zu können.

Das Verwenden von Jugendsprache wird nicht zum Zerfall des Deutschen führen, also können wir reden, wie wir wollen, auch wenn wir damit den einen oder anderen schiefen Blick kassieren.

Beitragsbild: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Quellen: https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/begriffe/sprache https://www.mpg.de/7450884/neandertaler-sprache https://heiup.uni-heidelberg.de/journals/heso/article/view/23884 https://www.deutschlandfunk.de/vor-400-jahren-gegruendet-fruchtbringende-gesellschaft-fuer-100.html file:///C:/Users/alexa/Downloads/nbecker,+B4.1+Linguistic+purism+and+language+criticism+in+English+[17.12.2018]+final%20(2).pdf

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