Auf den Spuren des Nationalsozialismus in Mainz

Im Rahmen der Einladung von queercomm.gymkonz + Allies in den Mainzer Landtag durch den Landtagsabgeordneten Lothar Rommelfanger am 03. Februar 2022 (KONZequent berichtet hier) durfte die Gruppe und ihr journalistisches Begleitteam auch an einer Stadtführung durch die Mainzer Neustadt mit dem Titel „Auf den Spuren des Nationalsozialismus“ teilnehmen.

Der Stadtrundgang gehört zum Bildungsprogramm des Haus des Erinnerns für Demokratie und Akzeptanz, dessen Stiftung sich für das Gedenken sowie das Lernen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit einsetzt. Orientierung für die Führung ist dabei die Biografie „Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich zu Haus“ von Gerti Meyer-Jorgensen (1918-2011), einer Mainzer Jüdin, die 1940 nach Shanghai flüchtete, 1970 aber in ihre Heimat zurückkehrte. 

Ausgangspunkt der Führung war der Innenhof des Hauses, in dem Gerti und ihre Familie während ihrer Kindheit lebten. Unsere Gruppe erfuhr viel über die erfüllten Jahre, die Gerti dort als Mädchen verbracht hatte, jedoch auch über ihre Jugendzeit, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten von immer zahlreicher werdenden Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung geprägt war. Als die Familie plante, Deutschland zu verlassen, sollte Gerti 1939 in die Schweiz fahren, um dort Geld der Familie zu deponieren. Dabei wurde sie von der Gestapo festgenommen und saß deshalb bis Herbst 1940 in Haft. Nach ihrer Entlassung emigrierte sie nach Shanghai, neben Palästina der einzige Ort, für den man kein Visum brauchte.

Den nächsten Halt stellte die nur wenige Meter entfernte Kaiserstraße 31 dar, in der sich die Gestapo-Zentrale befand. Der Stadtführer schilderte die grausame Weise und Folter, mit der die Häftlinge dort behandelt wurden. Ein Ausschnitt aus Gerti Meyer-Jorgensens Biografie wurde vorgelesen, in dem sie von dem Aufenthalt ihres Vaters in der Zentrale erzählt, während sie in Haft war. Außerdem berichtete sie von dessen Suizid, der vermutlich im Zusammenhang mit Gertis Verhaftung und seinen Erlebnissen im Keller des Gestapo-Gebäudes stand. Durch die Schilderung dieses persönlichen Schicksals fühlten sich die grausamen Zustände, die damals an diesem Ort herrschten, noch realer an.

Unsere nächste Station befand sich wieder nur zwei Straßen weiter. Es handelte sich um ein sogenanntes „Judenhaus“, in dem zuletzt 43 Menschen vor ihrer Deportation untergebracht wurden. Diese lebten auf sehr engem Raum und kannten sich größtenteils nicht. Als die Frage aufkam, warum kein Stolperstein vor dem Gebäude verlegt ist, erklärte der Tourguide, dass diese stets an dem letzten Wohnort platziert werden, an dem das Opfer aus freien Stücken gewohnt hat.

Judenhaus in der Adam-Karrilon-Straße 13

Als nächstes gingen wir zu dem Haus, in dem Gertis Jugendliebe Hans Joachim Scholz, genannt “Muckel“, gelebt hatte. Die beiden kannten sich aus der Schule, doch da Muckel Nichtjude und sein Vater überzeugter Nazi war, wurde ihnen irgendwann der Umgang miteinander verboten. Die beiden fanden jedoch trotzdem einen Weg, sich heimlich sehen zu können.

Weiter ging es zum Synagogenplatz. Schon aus einiger Entfernung konnte man die Neue Synagoge erkennen, die uns durch ihre auffällige Architektur direkt ins Auge fiel (Beitragsbild). Vor ihr stehen noch einige Säulen, die, wie uns der Stadtführer erzählte, zu der alten Hauptsynagoge gehörten, die während der NS-Zeit einer der letzten Rückzugsorte für die Mainzer Juden war. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde sie jedoch niedergebrannt und einige Tage danach gesprengt, wobei die Aufgabe, den hinterlassenen Schutt zu beseitigen, den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde auferlegt wurde. Seit 2010 jedoch steht jene Neue Synagoge auf dem Synagogenplatz. Diese wurde von dem Architekten Manuel Herz entworfen, ihre Beschaffenheit soll an die hebräischen Schriftzeichen für den jüdischen Segensspruch „Keduscha“ angelehnt sein.

Überreste der Mainzer Synagoge vor dem Neubau

Anschließend gingen wir zu dem Haus des Dr. Sali Levis (1883-1941) und seiner Familie. Dieses lag in derselben Straße wie die Synagoge, was, wie uns der Stadtführer erklärte, einen sehr kurzen Arbeitsweg für Levi bedeutete. Er arbeitete dort nämlich als Rabbiner. Um seine Gemeinde zu unterstützen, blieb er noch lange in Mainz, 1941 erst beschloss er, in die USA zu emigrieren. Im Zuge dessen fuhr er nach Berlin, wo er jedoch nach Wochen des Wartens auf ein Visum einen Herzinfarkt erlitt und an dessen Folgen verstarb. Hier erzählte uns der Tourführer ebenfalls, dass die Umbenennung der “Hindenburgstraße“, in der die Synagoge und Sali Levis Haus liegen, ein viel diskutiertes Thema in Mainz sei. Da man es unpassend fand, die Synagoge an einer Straße zu bauen, die nach dem Mann benannt wurde, der Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt hat, hat man den Platz, auf dem sie steht, bereits in “Synagogenplatz“ umbenannt. Trotzdem fordern viele immer noch eine Umbenennung der Straße, wobei ein beliebter Namensvorschlag “Sali-Levi-Straße“ ist. Trier ist hier übrigens schon ein kleines Stückchen weiter: Zum 01. Februar 2022 wurde die Trierer „Hindenburgstraße“ in „Gerty-Spies-Straße“ umbenannt und trägt nun somit den Namen einer Trierer Holocaust-Überlebenden.

Der letzte Halt unseres Stadtrundgangs war die Goetheschule, deren Turnhalle am 30. September 1942 als Sammelstelle bei den Deportationen von 178 Mainzer Jüdinnen und Juden diente. Walter Grünfeld (geboren 1921), ebenfalls ein Mainzer Jude, der später seine Erinnerungen veröffentlichte, musste bei diesen Deportationen als Helfer tätig sein. Unter den Deportierten befanden sich auch seine Tanten Dina und Johanna, die er so am Tag der Deportation zum letzen Mal sah.

In einer Abschlussrunde konnten wir unsere Gedanken und Eindrücke zu dem Stadtrundgang äußern:

„Es ist ein ganz anderes Gefühl, direkt an den Orten zu sein, an denen die jüdische Bevölkerung während der NS-Zeit gelebt und unter Antisemitismus und Verfolgung gelitten hat.“

Auch waren wir uns einig, dass es sehr auffällig sei, dass wir, obwohl wir während der Führung nur wenige hundert Meter gegangen waren, von so vielen tragischen Schicksalen erfahren hatten. Der Gedanke, welches Leid auf so geringem Raum erfahren wurde, ist erschütternd angesichts der Erkenntnis, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt des unfassbaren Unrechts ist, das in Nazi-Deutschland an jüdischen Mitmenschen und anderen Verfolgten verübt wurde. Lothar Rommelfanger – unser Gastgeber – erklärte, dass auch ihm der Stadtrundgang sehr gut gefallen habe. In der Fragerunde im Landtag hatte er angegeben, was ihn dazu bewegt habe, sich politisch zu engagieren. Hier kam er auf diese Frage zurück und ergänzte, dass seine Mutter ihm früher oft von den Verhältnissen während der NS-Zeit und von eigenen Erfahrungen in ihrem sehr nationalsozialistisch gesinntem Dorf erzählt habe. Dies habe ihn auch maßgeblich bewegt, in die Politik zu gehen, um etwas bewirken zu können.

Der Stadtrundgang “Auf den Spuren des Nationalsozialismus durch die Mainzer Neustadt“, besonders die erfahrenen persönlichen Schicksale, werden allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben.

Fotos: Isabella Marx; Beitragstitelbild: Neue Synagoge in Mainz, CC by Wikipedia

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