{"id":5822,"date":"2022-02-16T20:01:07","date_gmt":"2022-02-16T19:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/?p=5822"},"modified":"2022-02-16T20:48:17","modified_gmt":"2022-02-16T19:48:17","slug":"stadtfuehrung-auf-den-spuren-des-nationalsozialismus-in-mainz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/?p=5822","title":{"rendered":"Auf den Spuren des Nationalsozialismus in Mainz"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Rahmen der Einladung von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/queercomm-gymkonz.blogspot.com\" target=\"_blank\">queercomm.gymkonz + Allies<\/a> in den Mainzer Landtag durch den Landtagsabgeordneten Lothar Rommelfanger am 03. Februar 2022 (KONZequent berichtet <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/?p=5883\" target=\"_blank\">hier<\/a>) durfte die Gruppe und ihr journalistisches Begleitteam auch an einer Stadtf\u00fchrung durch die Mainzer Neustadt mit dem Titel \u201eAuf den Spuren des Nationalsozialismus\u201c teilnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Stadtrundgang geh\u00f6rt zum Bildungsprogramm des&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Haus des Erinnerns <\/em>&#8211;<em> f\u00fcr Demokratie und Akzeptanz<\/em><\/a>, dessen Stiftung sich f\u00fcr das Gedenken sowie das Lernen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit einsetzt.&nbsp;Orientierung f\u00fcr die F\u00fchrung ist dabei die Biografie \u201eHier sind meine Wurzeln, hier bin ich zu Haus\u201c von Gerti Meyer-Jorgensen (1918-2011), einer Mainzer J\u00fcdin, die 1940 nach Shanghai fl\u00fcchtete, 1970 aber in ihre Heimat zur\u00fcckkehrte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt der F\u00fchrung war der Innenhof des Hauses, in dem Gerti und ihre Familie w\u00e4hrend ihrer Kindheit lebten. Unsere Gruppe erfuhr viel \u00fcber die erf\u00fcllten Jahre, die Gerti dort als M\u00e4dchen verbracht hatte, jedoch auch \u00fcber ihre Jugendzeit, die mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten von immer zahlreicher werdenden Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung gepr\u00e4gt war. Als die Familie plante, Deutschland zu verlassen, sollte Gerti 1939 in die Schweiz fahren, um dort Geld der Familie zu deponieren. Dabei wurde sie von der Gestapo festgenommen und sa\u00df deshalb bis Herbst 1940 in Haft. Nach ihrer Entlassung emigrierte sie nach Shanghai, neben Pal\u00e4stina der einzige Ort, f\u00fcr den man kein Visum brauchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Den n\u00e4chsten Halt stellte die nur wenige Meter entfernte Kaiserstra\u00dfe 31 dar, in der sich die Gestapo-Zentrale befand. Der Stadtf\u00fchrer schilderte die grausame Weise und Folter, mit der die H\u00e4ftlinge dort behandelt wurden. Ein Ausschnitt aus Gerti Meyer-Jorgensens Biografie wurde vorgelesen, in dem sie von dem Aufenthalt ihres Vaters in der Zentrale erz\u00e4hlt, w\u00e4hrend sie in Haft war. Au\u00dferdem berichtete sie von dessen Suizid, der vermutlich im Zusammenhang mit Gertis Verhaftung und seinen Erlebnissen im Keller des Gestapo-Geb\u00e4udes stand. Durch die Schilderung dieses pers\u00f6nlichen Schicksals f\u00fchlten sich die grausamen Zust\u00e4nde, die damals an diesem Ort herrschten, noch realer an.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere n\u00e4chste Station befand sich wieder nur zwei Stra\u00dfen weiter. Es handelte sich um ein sogenanntes &#8222;Judenhaus&#8220;, in dem zuletzt 43 Menschen vor ihrer Deportation untergebracht wurden. Diese lebten auf sehr engem Raum und kannten sich gr\u00f6\u00dftenteils nicht. Als die Frage aufkam, warum kein Stolperstein vor dem Geb\u00e4ude verlegt ist, erkl\u00e4rte der Tourguide, dass diese stets an dem letzten Wohnort platziert werden, an dem das Opfer aus freien St\u00fccken gewohnt hat. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/5CCBF363-6211-4DE4-8D6B-01DF29006446-192x300.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5859\" width=\"225\" height=\"352\" srcset=\"https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/5CCBF363-6211-4DE4-8D6B-01DF29006446-192x300.jpeg 192w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/5CCBF363-6211-4DE4-8D6B-01DF29006446-96x150.jpeg 96w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/5CCBF363-6211-4DE4-8D6B-01DF29006446-768x1201.jpeg 768w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/5CCBF363-6211-4DE4-8D6B-01DF29006446-983x1536.jpeg 983w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/5CCBF363-6211-4DE4-8D6B-01DF29006446-38x60.jpeg 38w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/5CCBF363-6211-4DE4-8D6B-01DF29006446.jpeg 1310w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption>Judenhaus in der Adam-Karrilon-Stra\u00dfe 13<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes gingen wir zu dem Haus, in dem Gertis Jugendliebe Hans Joachim Scholz, genannt \u201cMuckel\u201c, gelebt hatte. Die beiden kannten sich aus der Schule, doch da Muckel Nichtjude und sein Vater \u00fcberzeugter Nazi war, wurde ihnen irgendwann der Umgang miteinander verboten. Die beiden fanden jedoch trotzdem einen Weg, sich heimlich sehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter ging es zum Synagogenplatz. Schon aus einiger Entfernung konnte man die Neue Synagoge erkennen, die uns durch ihre auff\u00e4llige Architektur direkt ins Auge fiel (Beitragsbild). Vor ihr stehen noch einige S\u00e4ulen, die, wie uns der Stadtf\u00fchrer erz\u00e4hlte, zu der alten Hauptsynagoge geh\u00f6rten, die w\u00e4hrend der NS-Zeit einer der letzten R\u00fcckzugsorte f\u00fcr die Mainzer Juden war. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde sie jedoch niedergebrannt und einige Tage danach gesprengt, wobei die Aufgabe, den hinterlassenen Schutt zu beseitigen, den Mitgliedern der j\u00fcdischen Gemeinde auferlegt wurde. Seit 2010 jedoch steht jene Neue Synagoge auf dem Synagogenplatz. Diese wurde von dem Architekten Manuel Herz entworfen, ihre Beschaffenheit soll an die hebr\u00e4ischen Schriftzeichen f\u00fcr den j\u00fcdischen Segensspruch \u201eKeduscha\u201c angelehnt sein.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84-300x200.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5858\" width=\"352\" height=\"235\" srcset=\"https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84-300x200.jpeg 300w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84-150x100.jpeg 150w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84-768x512.jpeg 768w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84-90x60.jpeg 90w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84-420x280.jpeg 420w, https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/2D43CF40-2855-4AB7-A217-9851C8F13E84.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><figcaption>\u00dcberreste der Mainzer Synagoge vor dem Neubau<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend gingen wir zu dem Haus des Dr. Sali Levis (1883-1941) und seiner Familie. Dieses lag in derselben Stra\u00dfe wie die Synagoge, was, wie uns der Stadtf\u00fchrer erkl\u00e4rte, einen sehr kurzen Arbeitsweg f\u00fcr Levi bedeutete. Er arbeitete dort n\u00e4mlich als Rabbiner. Um seine Gemeinde zu unterst\u00fctzen, blieb er noch lange in Mainz, 1941 erst beschloss er, in die USA zu emigrieren. Im Zuge dessen fuhr er nach Berlin, wo er jedoch nach Wochen des Wartens auf ein Visum einen Herzinfarkt erlitt und an dessen Folgen verstarb. Hier erz\u00e4hlte uns der Tourf\u00fchrer ebenfalls, dass die Umbenennung der \u201cHindenburgstra\u00dfe\u201c, in der die Synagoge und Sali Levis Haus liegen, ein viel diskutiertes Thema in Mainz sei. Da man es unpassend fand, die Synagoge an einer Stra\u00dfe zu bauen, die nach dem Mann benannt wurde, der Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt hat, hat man den Platz, auf dem sie steht, bereits in \u201cSynagogenplatz\u201c umbenannt. Trotzdem fordern viele immer noch eine Umbenennung der Stra\u00dfe, wobei ein beliebter Namensvorschlag \u201cSali-Levi-Stra\u00dfe\u201c ist. Trier ist hier \u00fcbrigens schon ein kleines St\u00fcckchen weiter: Zum 01. Februar 2022 wurde die Trierer &#8222;Hindenburgstra\u00dfe&#8220; in &#8222;Gerty-Spies-Stra\u00dfe&#8220; umbenannt und tr\u00e4gt nun somit den Namen einer Trierer Holocaust-\u00dcberlebenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Halt unseres Stadtrundgangs war die Goetheschule, deren Turnhalle am 30. September 1942 als Sammelstelle bei den Deportationen von 178 Mainzer J\u00fcdinnen und Juden diente. Walter Gr\u00fcnfeld (geboren 1921), ebenfalls ein Mainzer Jude, der sp\u00e4ter seine Erinnerungen ver\u00f6ffentlichte, musste bei diesen Deportationen als Helfer t\u00e4tig sein. Unter den Deportierten befanden sich auch seine Tanten Dina und Johanna, die er so am Tag der Deportation zum letzen Mal sah. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Abschlussrunde konnten wir unsere Gedanken und Eindr\u00fccke zu dem Stadtrundgang \u00e4u\u00dfern:  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Es ist ein ganz anderes Gef\u00fchl, direkt an den Orten zu sein, an denen die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend der NS-Zeit gelebt und unter Antisemitismus und Verfolgung gelitten hat.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch waren wir uns einig, dass es sehr auff\u00e4llig sei, dass wir, obwohl wir w\u00e4hrend der F\u00fchrung nur wenige hundert Meter gegangen waren, von so vielen tragischen Schicksalen erfahren hatten. Der Gedanke, welches Leid auf so geringem Raum erfahren wurde, ist ersch\u00fctternd angesichts der Erkenntnis, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt des unfassbaren Unrechts ist, das in Nazi-Deutschland an j\u00fcdischen Mitmenschen und anderen Verfolgten ver\u00fcbt wurde. Lothar Rommelfanger &#8211; unser Gastgeber &#8211; erkl\u00e4rte, dass auch ihm der Stadtrundgang sehr gut gefallen habe. In der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/konzequent.gymnasium-konz.de\/?p=5883\" target=\"_blank\">Fragerunde<\/a> im Landtag hatte er angegeben, was ihn dazu bewegt habe, sich politisch zu engagieren. Hier kam er auf diese Frage zur\u00fcck und erg\u00e4nzte, dass seine Mutter ihm fr\u00fcher oft von den Verh\u00e4ltnissen w\u00e4hrend der NS-Zeit und von eigenen Erfahrungen in ihrem sehr nationalsozialistisch gesinntem Dorf erz\u00e4hlt habe. Dies habe ihn auch ma\u00dfgeblich bewegt, in die Politik zu gehen, um etwas bewirken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Stadtrundgang \u201cAuf den Spuren des Nationalsozialismus durch die Mainzer Neustadt\u201c, besonders die erfahrenen pers\u00f6nlichen Schicksale, werden allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Fotos: Isabella Marx;                                                                                                                                                                                                                              Beitragstitelbild: Neue Synagoge in Mainz, CC by Wikipedia<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Einladung von queercomm.gymkonz + Allies in den Mainzer Landtag durch den Landtagsabgeordneten Lothar Rommelfanger am 03. 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