Heiße Glut – Martin Rohleder

Eine Frau steht nachts am Fenster und beobachtet die Regentropfen, welche auf das Dachfenster prasseln. Der gelbe Blütenstaub wird vom Regen weggespült, als wäre er nie dort gewesen.

Plötzlich geht die Tür auf und ihr Mann kommt bekleidet mit einem Bademantel und Hausschuhen in den relativ spärlich eingerichteten Raum. Sie rührt sich nicht von der Stelle und ihr Kopf bewegt sich keinen Millimeter in die Richtung ihres Ehemannes. Sie versucht jeden Blickkontakt zu vermeiden, hört aber, dass seine lang anhaltenden Atemzüge immer lauter werden. Ein stechender Schmerz trifft wie ein Blitz in ihr Auge, als die Glühbirne an der Decke zu leuchten beginnt. Er fragt erstaunt, was sie noch so spät im Wohnzimmer mache. Die Frau antwortet aufgeregt und mit zittriger Stimme: „Nichts, nichts!“. Die Kälte des Fußbodens spürt sie nun nicht mehr nur an ihren Füßen, sondern am ganzen Körper. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten und nimmt die Stille, die auf einmal im Raum herrscht, als unerträglich wahr. Kurz bevor sie diese Grabesstille nicht mehr aushalten kann, hörte sie die quietschenden Scharniere der Kühlschranktür und das Klirren von mehreren Flaschen, die gegeneinander schlagen. Anschließend lauscht sie dem Knarren der alten Holzdiele und verfolgt den Weg zur hölzernen Schlafzimmertür vor ihrem geistigen Auge. Ihr Blick ist dabei immer noch auf das Fenster gerichtet. Er drückt die metallene Klinke nach unten, hält einen Moment inne und geht dann wieder ins Schlafzimmer.

Sie berührt mit der linken Hand die feuerrote Wange, welche schmerzt wie heiße Glut, und beobachtet die Regentropfen in der sternenklaren Nacht.

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