Frau Matysiak – Merlin Webers

Ein Quietschen, ein Klappen. Der Brief war drin und trotzdem konnte er nicht weg vom Haus. Seine Finger strichen über das kalte, silberne Metall des Briefkastens, über ihren Namen. Er hatte sie noch nie gesehen, ihr Name war in seinem Kopf.

Matysiak.
Orientalisch, dachte er. So stellte er sich sie zumindest vor.
Seine Finger glitten immer wieder über den Namen, er sagte ihn leise.
,,Matysiak.“

Ein weiches, leises und freundliches M.
So sanft und angenehm wie ihre gebräunte Haut, wenn er sie streichelt.
Vom Rücken über ihren Hintern, die Beine entlang, während sie bei ihm im Bett liegt. Sie lächelt und flüstert ihm mit vertrauter Stimme leise zu, wie schön es sei, in seinen Armen zu liegen. Ein liebenswertes, ruhiges M, das er liebt.

Die Kälte nahm ihm jedes Gefühl in den Händen, die Buchstaben aber spürte er dennoch ganz warm, wie sie sich zuerst an und dann unter seine Haut setzen.

Ein lautstarkes und forderndes A.
Wenn sie von ihm verlangt, dass er selbst aufräumen soll und sich sein Essen verdammt nochmal selber machen soll! Ein A, was ihn im ersten Moment wütend macht, dann aber einsichtig, eines, das er ihr verzeiht.

Dann ein protestierendes und standhaftes T.
So stur wie sie selber, wenn sie mal wieder auf ihrer Meinung beharrt, wenn sie ihre Arme verschränkt und sich nicht umarmen lässt. Ein anstrengendes,
nervenaufreibendes T, welches die Mühe wert ist.

Das verspielte und freche Y gesellt sich zu den anderen.
So wie wenn sie ihn mit einem breiten Grinsen stichelt und ihm nichts anderes übrig bleibt, als sich auf sie zu werfen und sie zu kitzeln, bis sie sich ergibt. Wenn sie an ihrem Zeigefinger die Enden ihrer tiefschwarzen Haarsträhnen aufwickelt und wartet, dass er ins Bett kommt.
Ein lustiges, aufregendes Y. Eines, in das er sich verliebt hat.

Ein hoffnungsloses, verzweifelndes und sehnendes S.
Wenn sie in eine Decke eingewickelt, auf dem Balkon sitzend, verträumt in die Sterne guckt. Er spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie aber schweigt.
Ein gefährliches, verängstigendes S, was ihm Sorgen bereitet.

So kommt auch schon das angewiderte, verständnislose, vorwurfsvolle I.
Wenn sie die Stirn runzelt oder ihre Augenbrauen bis zum Haaransatz hochwirft und mit diesem verachtendem Blick schaut. Als hätte er etwas Unmenschliches getan.
Ein verletzendes, herabwürdigendes und unfaires I, welches sich selten und dennoch zu oft zeigt.

Dann ein diesmal lautstärkeres, drohendes und dazu aufmerksames A.
Eins, was ihm sagte, er solle sich ändern. Er solle sich ändern. Sich ändern.
So eines, was ihm eine letzte Chance gibt, eines, was ihn in Panik versetzt, dass er sie nicht wahrnehmen kann. Ein A, was ihm eine Frist setzt.

Und darauf folgt das harte, starke, provokante, argumentierende, gerechtfertigte, schlagfertige, konsequente, herzzerreißende und verschwindende K.
Eines, gegen welches er sich nicht wehren kann.

Die fremde Stimme ließ ihn mit einem ,,Was machen Sie da mit meinem Briefkasten?“ wieder vor der Haustür stehen und hatte die Buchstaben aus seiner Haut wie durch einen Windhauch verstreut und verweht.

Beitragsbild: Claudio Peters. www.flickr.com

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