Rot – Johanna Berg

Rot ist meine Lieblingsfarbe. Ich könnte baden in ihr, und ich bin froh, dass sie mir täglich erscheint. Morgens als Kopfkissen, im Bad als Handtuch, der Apfel beim Essen, das Auto meiner Mutter, das Nachbarhaus, die Ampel an der Kreuzung. Überall und immer drückt es etwas aus: eine Warnung, Freude, Wut, Leben, Liebe, Trauer. Rot ist sehr vielseitig und immer lebendig. Ja, Rot spürt man. Rot ist schön, genau wie mein Badezimmer.

Denn mein Badezimmer ist rot. Roter Teppich, roter Duschvorhang, rote Zahnbürste, rotes Waschbecken. So mag ich es am liebsten. Deshalb ist das Bad mein Lieblingsort.

Hier ist es ruhig, es gibt keinen Streit. Wenn ich an Papas Rasierwasser gerochen habe, geht es mir gut. Ich mag dieses Zimmer, denn dort ist alles so reinlich, so klar und einfach. Das gefällt mir. Aber wenn ich es verlasse, gefällt es mir nicht mehr.

Rot ist auch nicht gleich rot. Es kann ein zartes Rosa sein, koralle, pink, orange, signalrot,    zinnoberrot, lila, blutrot oder braunrot.

Man muss zart sein, damit es ein schwaches Rot ist; ist man zu hart, wird alles intensiv und mächtig. Alles was rot ist, ist empfindlich.

Am besten gefallen mir rote Zeichnungen. Eine rote Zeichnung könnte ich mir stundenlang ansehen. Wenn ich zeichne, zeichne ich in Rot. Immer dünne rote Striche, so will ich es haben. So und nicht anders. Und wenn ich zeichne, spüre ich, dass ich lebe, dass ich ganz normal bin, wie jeder andere. Na ja, vielleicht bin ich auch nicht ganz normal, sonst würde ich in Schwarz zeichnen. Aber Schwarz bedeutet für mich Tod. Rot dagegen Leben.

Würden meine Striche schwarz werden, wäre ich, so glaube ich, tot. Aber das möchte ich nicht. Ich möchte weiterhin rote Striche malen, das Leben wahrnehmen, mich in meinen Bildern ausdrücken. Ich will das Rot bei mir, in meiner Nähe, um mich herum haben.

Ich möchte nie wieder ohne das Rot sein! Rot gibt mir Hoffnung, ein roter Leitfaden, so sagt man doch, der mich durch das Leben führt. Der Leitfaden, ohne den ich in der Schwärze des Lebens versinken würde.

Wenn ich also im Bad sitze, abgeschnitten von der Welt, vereinsamt. Wenn die Welt mir auf den Kopf fällt, wenn ich erdrückt werde. Wenn niemand mich versteht. Wenn Tränen nicht gesehen werden, wenn Schreie nicht gehört werden. Wenn Kämpfen nicht mehr hilft, wenn ich sinke. Wenn ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich ein Wesen bin, das fühlt, oder doch nur eine leere Schachtel, die verstaubt. Wenn Mama oder Papa klopfen, wenn sie mich wieder drängen. Wenn sie wieder über mich bestimmen wollen, mir etwas vorschreiben möchten. Wenn ich nicht mehr entscheiden kann, was ich machen will.

Wenn ich gezwungen bin, das zu machen, was sie wollen. Dann muss ich zeichnen.

Ich hole meinen silbernen Stift, setze ihn auf feines Papier und zeichne in roten Strichen. Behutsam und zärtlich zeichne ich und merke, dass ich lebe, dass ich existiere wie jeder andere. Dass es mich gibt, dass doch noch etwas von mir abhängt, nämlich, ob ich zeichne oder nicht. Ich kann etwas bestimmen. Etwas machen, wie ich will und wann ich will. Dann fühle ich mich gut. Alleine, mit der Sicherheit, ein Mensch zu sein, weil ich fühle, wie ich fühlen soll, in meinem roten Badezimmer. Die Farbe umgibt mich. Sie hüllt mich ein, lässt mich nicht mehr los. Manchmal reißt mich sogar eine Flut aus Rot mit sich.

Und ich zeichne weiter, zeichne und zeichne, während ich das Leben spüre, was ich durch das Zeichnen freigebe. So frei, wie ich gerne wäre.

Wenn dann Mamas penetrantes Klopfen mich innehalten lässt, lächle ich. Ich verstehe wieder, kann weitermachen. Kann mich weiter herumkommandieren lassen. Es ist mir egal. Schließlich habe ich meine Zeichnung. Wenn ich dann den Stift versteckt habe, lasse ich das Wasser laufen. Dann öffne ich die Tür.

Doch zuvor bedecke ich meinen Arm.

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