Begabte Schreiberlinge aus Konz und Saarburg – Ella Bucher aus Konz gewinnt!

— Erfolgreiche Teilnahme des Gymnasiums Konz am Kurzgeschichtenwettbewerb des Rotary-Clubs Saarburg 2015 —

 von KERSTIN OST —

Zum elften Mal fand in diesem Jahr der Schreibwettbewerb des Rotary-Clubs Saarburg statt, bei dem von Schülerinnen und Schülern der 10. und 11. Klassen der Gymnasien Konz und Saarburg insgesamt 55 Beiträge eingereicht wurden. 18 der „Jungautoren“ kamen in diesem Jahr aus Konz.

Die Jury, die aus vier Rotariern und zwei Deutschlehrerinnen der Gymnasien besteht, hat nunmehr die besten Geschichten ausgewählt.

  1. Preis: Ella Bucher, Gymnasium Konz, MSS 11 (250 €)
  2. Preis: Charlotte Recktenwald, Gymnasium Saarburg, MSS 11 (150 €)
  3. Preis: Katharina Hoffmann, Gymnasium Saarburg, MSS 11 (100 €)

Unter den weiteren Beiträgen waren ebenfalls viele gute Texte, die knapp die Siegerränge verpassten, elf Beiträge aus Konz können sich über Bücherschecks freuen.

Am 18. Juni fand die Preisverleihung im Rahmen eines feierlichen Abendessens in der Villa Keller in Saarburg statt, bei der die Urkunden und Geldpreise an die Gewinnerinnen, die mit ihren Eltern gekommen waren, vergeben wurden. Die Anwesenden kamen dabei in den Genuss, die Siegergeschichten aus dem Munde der Autorinnen zu hören.

Herzlichen Dank an den Rotary-Club Saarburg für die Durchführung des Wettbewerbs und an alle Teilnehmer. Mitmachen lohnt sich!

Und hier die Sieger-Kurzgeschichten:

Ella Bucher
Gymnasium Konz
MSS 11

Eine Handvoll Worte

Sie steht wie jeden Morgen am Fenster und guckt auf die Straße. Es ist früh, die Sonne ist gerade aufgegangen. Plötzlich presst sie ihre faltige Hand auf die Fensterscheibe und zieht sie langsam an ihr hinunter. Es hinterlässt eine fettige Spur, quer über das Glas. Sie kümmert sich nicht darum. Es wird sie sowieso niemand darauf ansprechen. Darüber Worte zu verlieren wäre reinste Verschwendung.
Sie sieht ihren Enkel das Haus verlassen. Kurz darauf ihre Enkelin. Manchmal beneidet sie die beiden. Der Junge ist Mechaniker, er bekommt nicht viele Wörter. Aber das Mädchen ist Vermittlerin, sie hat so viele Wörter zur Verfügung wie kein anderer, den sie kennt.
Vermittlerin. Früher hieß es Journalistin, erinnert sie sich. Jetzt heißt es Vermittlerin von Nachrichten im Interesse des Volks. Ein Name mit vielen Wörtern, bestimmt für diejenigen, die es sich leisten können ihn auszusprechen. Sie hätte es sich niemals leisten können. Früher, denkt sie, früher hätte sie es gekonnt. Früher hätte sie alles aussprechen können.

Sie stand wie jeden Morgen am Fenster und guckte auf ihr Handy. Sie hatte nur 13 neue WhatsApp Nachrichten. Außerdem war sie immer noch sauer, dass ihr Freund gestern nicht auf ihren Snap geantwortet hatte. Und ihr neues Profilbild auf Facebook hatte er auch noch nicht kommentiert, vielleicht gefiel es ihm nicht. Sie traute sich nicht ihn danach zu fragen.
Sie schrieb ihrer Mutter eine SMS, dass sie jetzt gehen würde. Die Antwort kam nach zehn Sekunden. Ihre Mutter hatte ihr einen Daumen-Hoch-Emoticon und zwei Kuss-Smileys geschickt.
Sie verließ das Haus und steckte sich die Stöpsel ihres Kopfhörers in die Ohren. Sie ging zum Bahnhof, während sie den Text ihres Lieblingsliedes mitsummte, und wartete auf den Zug. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig saß ein Freund von ihr. Sie schrieb ihn auf WhatsApp an und sagte ihm, sie könne ihn sehen. Er blickte kurz von seinem Handy auf, winkte ihr zu, widmete sich dann aber wieder völlig seinen Facebook Nachrichten.

Das Piepen ihres Wortezählers lässt sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Er zeigt die Zahl 521 an. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie hat sich schon seit Langem nicht mehr so auf ihre Wörter gefreut.

Sie hasste den Unterricht. Immer musste man aufpassen. Außerdem musste man reden, sich mündlich an den Themen beteiligen. Das hasste sie am allermeisten. Wieso konnte man keinen Online-Unterricht machen? Da hätte sie nicht reden brauchen, sie hätte den ganzen Tag nur am Computer geschrieben.
In Mathe ließ sie sich erwischen, wie sie mit ihrem Freund auf WhatsApp schrieb. Ihr Handy wurde ihr abgenommen und das trieb sie in den Wahnsinn.
In den Pausen fühlte sie sich hilflos und verloren, sie konnte mit niemandem schreiben. Sie war allein, umgeben von ihren Freunden, die ihren Blick nicht vom Smartphone abwenden konnten.
Sie hatte sich schon seit Langem nicht mehr so auf ihr Handy gefreut.

Sie nimmt die kleine Kiste aus ihrem Regal und holt den in ihr sicher verpackten Gegenstand heraus. Das Smartphone ist schwerer als sie in Erinnerung hatte. Die Farben der Handyhülle sind verblasst. Nutzloses, altes Ding, denkt sie und legt es zurück in die Kiste.

Im ersten Moment dachte sie, die Meldung wäre ein schlechter Witz gewesen. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass die Regierung es ernst meinte. Ab Januar würde sich alles verändern, hieß es. Man würde je nach Beruf eine bestimmte Anzahl an Wörtern bekommen. Leere Versprechen gäbe es nur noch selten. Menschen würden weniger an ihr Handy gebunden sein. Die ersten Wortezähler wurden schon ausgeteilt.
Die letzten Dezembertage verbrachte sie pausenlos damit, mit ihren Freunden zu chatten. Sie kommunizierten, hatten sich aber nichts zu sagen.

Sie erinnert sich noch gut an die Zeiten, in denen sie das Reden vermieden hatte. Sie hatte geglaubt, dass jedes ausgesprochene Wort Verschwendung sei.
Heute würde sie sich über jedes einzelne Wort freuen.
Aber ihre 521 Wörter machen sie fürs Erste glücklich. Sie hat Monate für diesen Moment gespart.
Erst leise, dann immer lauter, singt sie ihr Lieblingslied. Den Text weiß sie noch immer auswendig. Ihre Stimme ist es nicht mehr gewohnt so viel auf einmal zu sagen, geschweige denn zu singen. Dennoch genießt sie jedes einzelne ausgesprochene Wort.
Als das Lied zu Ende ist, fängt ihr Wortezähler an zu piepsen. Übrig bleiben ihr eine Handvoll Worte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.