Wie Gott in Frankreich – oder etwa nicht?

KONZequent freut sich über einen Gastbeitrag von Laura H. aus der 9d, die während ihres Schüleraustauschs über gängige Klischees in Nachdenken kam:

Sommer – Zeit, um Urlaub zu machen. Das bedeutet für viele, einmal nicht zu Hause zu bleiben und die gewohnte Umgebung zu verlassen. Viele verbringen ihren Urlaub gern im Ausland, erleben fremde Kulturen, lassen sich begeistern und inspirieren von der Andersartigkeit, von etwas, das die Grenzen des Alltags übersteigt. Aber sie tun es auch, um die Gemeinsamkeiten zwischen dem Fremden und dem Gewohnten zu entdecken.

Das wurde mir bewusst, als ich vor kurzen selbst einige Wochen in Frankreich war, um dort Kultur und Sprache besser kennenzulernen. Und schnell war ich tatsächlich in Situationen, in denen Fremdes und Bekanntes aufeinanderstießen.

Bei uns würde man sich höflich die Hände schütteln zur Begrüßung, nicht so in Frankreich, dort fällt die Begrüßung mit herzlichen Küsschen auf die Wange aus, wie viele es genau sind, ist von Region zu Region unterschiedlich. Allerdings ist diese Begrüßung nur unter Frauen oder zwischen Mann und Frau üblich. Für manch einen wirkt das vielleicht etwas aufdringlich verglichen mit einer deutschen Begrüßung, die eher förmlich ist.

Auch der Lebensstil unterscheidet sich in manchen Bereichen von dem ,,typisch“ Deutschen. Oft handelt es sich bei den Wohnhäusern um alte Bauernhöfe oder renovierte Häuser aus der Nachkriegszeit, besonders in Lothringen, wo ich meinen Aufenthalt verbrachte. Für unsere Nachbarn ist es auch nicht sonderlich, ein gewisses Maß an Unordnung zu haben, das gehört für sie zum alltäglichen Leben dazu. Hier würde der ein oder andere diese Angewohnheit wohl eher als negativ wahrnehmen, was womöglich mit dem Hang zur Ordnungsliebe zu erklären ist, der den Deutschen ja gemeinhin nachgesagt wird.

Mir ist auch aufgefallen, dass die Arbeitsgewohnheiten der Franzosen (auch die der Schüler) von der unseren um einiges abweicht. Schule oder Arbeit bis zum frühen Abend, anschließend Freizeit und nach dem späten Essen besinnt man sich dann doch noch einmal auf die Vorbereitungen für den nächsten Arbeits- oder Schultag. Dementsprechend gehen die meisten spät schlafen, meistens  nach Mitternacht.

Außerdem kann man dort ein anderes Schülerverhalten beobachten, denn für französische Schüler ist es selbstverständlich, sich während des Unterrichts äußerst still und unauffällig zu verhalten, dazu gehört auch aufmerksam mitzuschreiben, aber – und das ist der wohl größte Unterschied zum Unterricht bei uns – es gibt keine Mitarbeit der Schüler, da das unerwünscht ist. Die Schüler haben sich außerdem dem Lehrer gegenüber mit großem Respekt zu verhalten und es gilt als unhöflich, wenn ein Schüler den Lehrer anspricht, nur umgekehrt ist das erlaubt. Dieses System ist viel autoritärer als das deutsche und hat sowohl seine Vorteile als auch seineNachteile.

Wie schon angedeutet haben sie auch andere Essgewohnheiten, denn sie essen morgens fast nichts und trinken lediglich Kaffee oder Tee aus einer großen Schale, die wichtigste Mahlzeit besteht für sie im Abendessen, denn da essen sie wirklich üppig. Was dem Deutschen das Brot ist, das ist für den Franzosen das Baguette. Manches Klischee  hat doch einen wahren Ursprung, nichtzuletzt, dass Franzosen viel Käse und Baguette essen.

Bei all diesen Erfahrungen ist mir natürlich bewusst, dass mangewisse Verhaltensweisen nicht für eine ganze Nation verallgemeinern kann, aber trotzdem stellt jeder einzelne mit dem, was er durch sein Handeln verkörpert, einen Teil dieses Landes dar und prägt die Wahrnehmung anderer damit. Das Bild, das man von einem Land und seiner Kultur gewinnt, ist, denke ich, individuell verschieden, denn  jeder erlebt und empfindet es anders. Manchmal ist die Frage, ob man nun diesem Land negativ oder positiv gegenübersteht, auch Gewohnheitssache. Man nimmt das Bekannte und Bewährte oft als Ideal an und geht skeptisch mit Neuem um.

Je öfter man reist, desto mehr sieht man das Bekannte und Bewährte in Relation und nimmt sich vielleicht in seinen eigenen „deutschen“ Marotten etwas weniger ernst 😉

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