Julie Jungen – Der violette Hut

Emma und ich sind im Park. Ich trage mein Lieblingskleid, das weit ausgeschwungene mit dem Petticoat darunter. Doch was ich am liebsten an mir mag, ist mein Hut, das weiß ich noch. Er ist violett und kegelförmig, außer, dass er oben anstatt spitz rund zuläuft. Das Auffallendste an ihm ist die riesige weiße Stofflilie, die ich an der Vorderseite befestigt habe. Begleitet vom Schnattern der Enten gehen wir den Weg, welcher zu unserer Lieblingsbank führt, entlang.         — Oder?—                                                                                                                                                 Doch natürlich.

Sie steht inmitten einer kleinen Lichtung, umgeben von bunten Blumen. Ganz in der Nähe plätschert ein kleiner Bach fröhlich vor sich hin und zwei gelbe Zitronenfalter jagen sich über das glitzernde Wasser hinweg. Dort angekommen setzen wir uns erst einmal und Emma erzählt mir von ihren Zukunftsplänen. Sie möchte anfangen zu studieren und Journalistin werden. Ich mag es, wenn Emma etwas erzählt. Überhaupt mag ich diese ganze Zeit hier sehr gerne. Nur Emma und ich. Wir können uns alles erzählen und über alles reden. Wir können uns zum Beispiel einfach auf eine Wiese legen, in den Himmel schauen und über nichts anderes reden, als über die Wolkenbilder, die über uns hinwegziehen.

Wir gehen zum Wasser und lassen unsere Beine darin baumeln. Das Wasser zieht feine Muster über sie, es sieht aus wie viele kleine Landstraßen. Bald  hat Emma Geburtstag.  Am 18., um genau zu sein.                                                                                                                                    Oder war es doch am 19.?                                                                                                                   Sie wird achtzehn und dann darf sie alleine Auto fahren. Ich schließe die Augen. In der Luft liegt der tröstliche Geruch von Sommer: Getrocknetes Gras, der Duft von frisch geöffneten Blumen und ein leicht erdiger Geruch. Auf meiner Zunge prickelt die saure Süße von Johannisbeeren, ich habe Kuchen gebacken. Für Emmas Geburtstag.

Als die Dunkelheit hereinbricht, machen wir uns auf den Weg nach Hause, Emma übernachtet heute bei mir, sie hat ja morgen schließlich Geburtstag. Mein Kuchen! Hoffentlich ist er nicht verbrannt! Das wäre schade, ich habe mir doch so viel Mühe für Emmi gemacht. Es ist schließlich ihr Lieblingskuchen.

Ich kann mir mein Leben gar nicht mehr ohne Emma vorstellen. Ohne sie zu reden, ohne sie zu lachen. Das ist seltsam. Ich wünschte, dieser Sommer würde nie enden und wir könnten immer zusammen bleiben. Aber Emma wird studieren. Ich höre gerne zu, wenn Emma von ihrer Zukunft erzählt. Mein Petticoat raschelt leise.

Ich setze mich mit einem Buch raus und lese. Es ist ein schöner Abend. Emma kommt auch gleich und dann fahren wir zusammen in die Stadt, mit ihrem neuen Auto.  Ich kaufe mir ein Paar neue Schuhe. Violette. Aber die passen dann leider nicht so gut zu meinem schönen Hut. Oder kann man violett und rosa gut kombinieren?

Mein Buch ist sehr spannend. Ich wünschte Emma könnte es jetzt auch lesen. Es ist ein Krimi.     Emma hat Krimis immer sehr gemocht. Das weiß ich auch noch. Wir gehen zusammen tanzen. Heute. Ich mag es, wenn die vielen Mädchen in ihren weit ausgeschwungenen Kleidern mit den Petticoats darunter tanzen. Die schwingen dann nämlich immer so schön hin und her. Man möchte dann immer nur tanzen und hoffen, dass man nicht mehr aufwacht und die Musik nie endet.  Emma und  ich, wir tanzen immer überall, wo wir gerade hingehen, sei es auf einem Fest, am Bach oder einfach auf der Straße. Noch etwas, wofür ich Emma so gerne habe. Jetzt essen wir ein Stück von meinem Kuchen. Ich trage mein Lieblingskleid und einen violetten Hut. Wir gehen in den Park, zu unserer Lieblingsbank. Ein Schatten liegt über dem Bach, meine Gedanken fühlen sich wie zäher Nebel an. War mein Hut violett oder  rosa? …

Susanne betrat das Zimmer von Frau Weil. Sie saß in ihrem schicksten grünen Kostüm in dem großen gemütlichen Ohrensessel, das Gesicht dem Fenster zugewandt. Susanne näherte sich ihr leise. Man durfte sie nicht zu sehr erschrecken. Frau Weil sah zwei jungen Mädchen beim Schwimmen in dem großen See vor ihrem Fenster zu. Vor ihrem Sessel lag eine alte Fotografie. Susanne hob sie auf und betrachtete das Bild. Zwei Mädchen saßen lachend auf einer Bank, die Beine baumelten lässig in einem kleinen Bach. Eins der Mädchen trug ein weit ausgeschwungenes Kleid und  neben ihr lag ein violetter Hut. Es lachte Susanne glücklich an. Sie schaute hoch und begegnete Frau Weils Blick, auch sie lächelte. Erkennen huschte über Susannes Gesicht. Susanne kannte die Geschichte, sie mochte die alte Frau sehr. Sie sah so verträumt und jung aus, doch Susanne wusste, wie es um sie stand. Sie atmete tief durch und sagte freundlich:

„Na Frau Weil, hatten sie einen schönen Tag? Kommen Sie, Sie müssen doch noch ihre Tabletten nehmen.“                                                                                                                „Tabletten? Wer sind Sie? Meine Tochter?“                                                                                    -„Aber Frau Weil, Sie wissen doch, die gegen das Vergessen.“                                                          Ein Schleier legte sich über die Augen der alten Frau.                                                                           „Natürlich weiß ich, wie könnte ich das auch vergessen!“                                                         „Können wir los? Wir wollten doch auch noch ihre Emma besuchen!“

Das kleine Mädchen schaute sich noch einmal nach der lustigen Oma um. Sie trug quietschrote Gummistiefel, ein seltsames grünes Kleid und einen lustigen lila Hut mit einer riesigen weißen Blume. Das Mädchen sah, wie die junge Frau neben der Oma das Tor zum Friedhof öffnete und die beiden hineingingen.

Das kleine Mädchen drehte sich um und aß sein Eis weiter.

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