Anika Berg – Die ersten Sonnenstrahlen

Ich sitze in einem kleinen Laden und trinke meinen Kaffee. Für diesen Kaffee bin ich gerade 70 Kilometer weit gefahren, so, wie ich es seit drei Wochen täglich mache. Die Blondine, die mich immer ein wenig an die junge Kim Basinger erinnert, lächelt mich an und fragt, ob ich noch etwas zu meinem Getränk haben möchte. Ich lehne dankend ab und sie geht zurück hinter den Tresen. Ich betrachte den Keks, der in meiner Bestellung inklusive ist und verziehe den Mund. Ich habe diese Dinger schon immer gehasst.

Mein Blick schweift ab und ich sehe zum Fenster hinaus, aus dem man einen wunderbaren Ausblick auf den für mich schönsten Wald der Stadt hat. Ich betrachte die aufgehende, hinter den Wolken hervor blinzelnde Sonne, deren orangeroter Schein einen starken Kontrast zur Grüne der Natur darstellt und mir kommt der eine Mann in den Sinn, der diese abscheulichen Kekse für sein Leben gern gegessen hatte. Es ist ewig her und doch erinnere ich mich genau an das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe. Ja, damals war ich verrückt nach dem Kerl, doch es sollte nicht sein. Mir kommen all die Fehler in den Sinn, die ich im Laufe meines Lebens begangen habe, Fehler, die ich zum Teil nicht mehr wiedergutmachen kann. Und doch habe ich Hoffnung, Hoffnung, dass es noch nicht zu spät für mich ist, einen Versuch zu starten. Ich seufze und trinke noch einen Schluck meines Kaffees. Den Blick wieder auf den Horizont gerichtet, sehe ich eine einzelne Schwalbe ihres Weges fliegen, sorglos, frei in ihrem Tun und Lassen.

Es ist meine liebste Zeit am Tag, dieser Moment, wenn der Himmel sich langsam vom Orangerot der aufgehenden Sonne immer mehr in das strahlende Blau verwandelt, das er im Laufe dieses Sommertages noch wie ein Kleid tragen wird. Dieser Moment, wenn der Morgennebel, der wie ein Schleier über diesem doch so wunderschönen Wald liegt, von den ersten Sonnenstrahlen verdrängt wird und dessen wahres Antlitz sichtbar wird. Ich finde es erstaunlich, diesen Prozess tagtäglich zu beobachten, diesen Prozess, der schon seit Anbeginn der Zeit seinen Lauf nimmt. Es erinnert mich immer daran, dass jeder Tag ein neuer Anfang ist, dass jeder, auch ich, die Chance hat, das Richtige zu tun.

Ich schaue wieder zum Tresen hin. Die blonde Kellnerin ist nicht mehr allein, ein junger Mann ist heute auch eingeteilt und mein Herz macht einen Sprung, als ich sehe, wie er auf sie zugeht und sie langsam küsst. Ich gönne den beiden alles Glück der Welt, vielleicht weil ich weiß, wie es ist, immer alleine zu sein. Ich kann von keinem der beiden behaupten, sie wirklich gut zu kennen und verspüre plötzliche Trauer, weil ich mir wünschte, es wäre anders. Resigniert schaue ich auf meine Uhr, die mir anzeigt, dass es 08.35 Uhr ist. Es ist eine Qual, jeden Morgen so früh aufzustehen, kilometerweit zu fahren, nur um meinen Kaffee hier zu trinken, doch ich nehme sie gerne auf mich, weil es sich lohnt. Es lohnt sich, den Anbeginn des Tages von hier aus genießen zu können, es lohnt sich, nicht allein in der viel zu großen Wohnung zu sitzen und darauf zu warten, dass meine Schicht im Krankenhaus beginnt.

Außer mir sitzt niemand im Café, es ist abgelegen und die meisten, die so früh kommen, wie ich es tue, bestellen Kaffee zum Mitnehmen. Vielleicht mag ich es auch deswegen hier so gern. Der Name des Mädchens, das hier arbeitet, entfällt mir immer wieder. War er Vivien? Ja, ich glaube, so heißt sie. Sie ist zurückhaltend und schüchtern, dennoch ist sie wahrscheinlich eine der sympathischsten Personen, denen ich je begegnen durfte. Sie ist 20 Jahre alt, der Junge 21. Dessen Namen hingegen würde ich wohl nie vergessen können. Alex. Ab und zu, wenn ich der einzige Gast bin, setzt er sich zu mir und erzählt von seinem Studium an der nahe gelegenen Universität, seinen Zukunftsplänen, seinem Leben. Diese Momente erfüllen mich mit Freude und Schrecken zugleich. Ich freue mich zu hören, dass er ein glückliches Leben führt, doch gleichzeitig breitet sich in mir ein Schuldgefühl aus, nicht an diesem teilzuhaben, zumindest nicht so, wie es der Fall sein sollte. Ich frage mich, was er sieht, wenn er mich anschaut. Eine einsame Frau, die auf die vierzig zugeht und nichts Besseres zu tun hat, als hier jeden Morgen alleine ihren Kaffee zu trinken?

Ich setze die Tasse an den Mund und bemerke, dass sie leer ist.  Ich habe noch genug Zeit für eine weitere, also winke ich Alex. Er kommt lächelnd auf mich zu „Guten Morgen, Frau Menke. Wie kann ich ihnen weiterhelfen?“ Ich erwidere sein Lächeln, das, genau wie es meinem nachgesagt wird, jeden in der Umgebung ansteckt und deute auf die ausgetrunkene Tasse vor mir. „Bring mir doch bitte noch einmal dasselbe.“ Er macht sich wieder auf den Weg hinter den Tresen und ich beobachte ihn beim Kaffeemachen. Vor zwei Wochen hatte ich ihm bereits das Du angeboten, ich komme mir wie eine alte Frau vor, wenn er mich mit „Sie“ anspricht. Doch ich bin ihm wahrscheinlich noch immer eine Fremde und das kann ich ihm wohl kaum verübeln.

Alex kommt mit dem Kaffee zurück und ich bitte ihn, sich zu mir zu setzen und etwas von sich zu erzählen. Er tut mir den Gefallen und ich lasse ihn die Plätzchen essen, die er, im Gegensatz zu mir, sofort verschlingt. Ich muss lächeln und betrachte das Haar, das mich immer an braune Herbstblätter erinnert, meinem nur allzu ähnlich, Alex‘ jungenhafte Gesichtszüge, das spitzbübische Lächeln, das seine Lippen umspielt, sobald er einen Satz beendet. Seit drei Wochen nehme ich all diese Eindrücke sehnsüchtig in mich auf, als würde das auch nur im Geringsten die verlorenen Jahre wiedergutmachen. Und während ich ihm zuhöre, schaue ich in seine klaren grünen Augen, die ich zum ersten Mal vor 21 Jahren sah und die denen, in die ich mich als junges Mädchen unsterblich verliebte, so sehr ähneln, dass mir die Tränen kommen. An welchem Morgen werde ich die Chance ergreifen, das Richtige zu tun und den Nebel zu lichten?

 

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