Andreea Dinklage – Wie ein Prisma

Ich sitze hier auf der Bank, meinen Blick auf den Horizont gerichtet, über das blaue Meer hinweg. Es ist bald soweit, die orange glühende Sonne wird untergehen, so weiß ich es. Ich spüre, wie sie auf mich scheint. Wie sie ihre Lichtstrahlen zu uns auf die Erde schickt und wie sie schließlich auch bei mir ankommen. Sie kitzeln meine Haut, spielen mit ihr. Ein intensives Gefühl. Sonderbar und angenehm zugleich. Es scheint so, als ob jeder Lichtstrahl nicht auf mich trifft, sondern mich durchquert und anschließend überall‘ hin verteilt wird. Vergleichbar mit einem Prisma. Dabei wird er in seine einzelnen Spektralfarben gebrochen. Wie bei einem Regenbogen, wenn Regentropfen mit diesen Farben an den grauen Himmel malen. Wunderschön erscheinen sie, vielfältig und unterschiedlich in ihren Nuancen, in ihrer Helligkeit. Sie scheinen zum Greifen nah, sind aber doch so fern, unerreichbar.

Ich sammele meine umherschweifenden Gedanken und konzentriere mich auf meine Umgebung. Von weit her kann ich das liebliche Zwitschern von Vögeln hören. Ob die feinen, fröhlichen Melodien wohl eine Bedeutung haben? Auf meiner Zunge schmecke ich das Salz des Meeres. Die Wellen, die sich dort unten an den Felsen brechen, sind mir so unbekannt, unerkannt. Wie gerne würde ich schwimmen gehen, draußen im Meer, nur einmal, um das Gefühl von Freiheit, Grenzenlosigkeit zu spüren. „Aber es ist viel zu gefährlich für dich…“ Ich weiß. Und seufze.

Ich nehme meine Beine hoch auf die Bank und lege mich hin, während der glühende Feuerball sein tägliches Ritual fortführt. Schließe die Augen. Lange war ich nicht mehr hier, obwohl ich früher jeden Abend hierhin gekommen und geblieben bin, bis die Nacht anfing, sich um mich zu legen, während die Kälte mich überrumpelte, ihre Krallen in mich grub und ich anfing zu zittern. Da wusste ich, dass die Sonne nun auf einen anderen Teil der Erde scheinen muss. Zu dem Zeitpunkt fragte ich mich immer, was jemand anderes in diesem Moment wohl tut. Ob er, wie ich auf einer Bank liegt mit geschlossenen Augen und nachdenkt? Ob er gerade neues Leben auf Papier bringt, oder ob er mit seiner Stimme ein Publikum begeistert? Ich weiß es nicht. Es gibt so vieles, das mir  noch vorenthalten wird. Ich kann die Größe und die Pracht dieses Planeten nur erahnen. Sehr wahrscheinlich werde ich es nicht ansatzweise erleben können. Aber das ist nicht schlimm. Denn ich habe meine eigene Welt, die mich umgibt, mein Zuhause, einzigartig und für mich unverzichtbar.

 

„Hier bist du!“ Eine schrille Stimme zerrt mich aus meinen Gedanken. Für einen kurzen Moment bin ich verwirrt. Aber ich weiß, es ist meine Mutter. „Hallo. Ja, hier bin ich.“ antworte ich schroff. Ich setze mich auf, um ihr neben mir Platz zu machen. Sie setzt sich hin, ich spüre ihre Wärme neben mir. „Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Ich seufze. „Ich weiß.“ So wie immer.

Ich lehne mich an sie, an ihren weichen Fleece-Pullover. Es ist gemütlich. Nun sitzen wir hier, zusammen, den Sonnenuntergang betrachtend. Natürlich kann ich ihr nicht böse sein. Ich habe geahnt, dass sie früher oder später nach mir suchen wird, damit ich nicht alleine unterwegs bin. Dabei weiß sie ganz genau, dass ich den Weg nach Hause nur zu gut kenne! Noch von früher weiß ich ihn. Aber ich bin ihr dankbar.

Langsam merke ich, wie sich die Kälte an uns heranschleicht, uns langsam von allen Seiten umfasst und eine Gänsehaut hinterlässt. „Die Sonne ist untergegangen.“ Es ist mehr eine Feststellung, als eine Frage. „Ja, ist sie.“

Bald wird sich auch die Dunkelheit auf den Weg machen, zu uns wandern, während sie an einem anderen Ort Platz für Tageslicht macht. Für viele ist sie eine Bedrohung, die sie fürchten und lieber meiden. Eine böse, dunkle Macht. Dabei ist es keineswegs so. Sie mag zunächst sonderbar sein, unbekannt. Macht man sich aber mit ihr vertraut, gewöhnt man sich erst einmal an sie, dann hat man die Gelegenheit, eine neue Welt zu entdecken. Das Sehen, Bilder, rücken in den Hintergrund, bis sie schließlich ganz verschwinden. Das ist der Moment, an dem das Heraushören kleinster Details, oder das Kitzeln in der Nase, wenn der Duft einer Blume in sie hineinsteigt, in den Vordergrund treten, so, wie das Herausschmecken  feinster Zutaten.  Sinneseindrücke, die vorher nicht wahrgenommen wurden, sind jetzt stärker, wichtiger und ergeben im Zusammenspiel miteinander eine neue Melodie. Eine neue Welt im Einklang mit der Seele. Ja, die Dunkelheit macht einen erst darauf aufmerksam. Man schließe dazu nur die Augen.

„Es wird Zeit, zu gehen.“ „Ja. Ja, das wird es wohl.“ Ich stehe auf und taste nach meinem Wollpullover. Sie drückt ihn mir sanft in die Hand. „Danke.“ Ich hebe meine Mundwinkel, auch als Lächeln bekannt. Ich spüre, wie meine Mutter sich neben mir aufstellt. „Du kannst dich an mir festhalten…wenn du willst.“ Ich überlege kurz. „Nein, danke.“ Dann nehme ich meinen Taststock und wir machen uns auf den Weg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.