Jan Meyer – Das Polster

Ein Mann und eine Frau standen schon eine ganze Weile an einem Bahnhof, als der Zug, der sie nach Hause bringen sollte, endlich eintraf. Sie stiegen nacheinander in die Bahn ein. In einer halben Stunde würden sie ihr Ziel erreicht haben. Grauenvoll, dachte der Mann. 30 Minuten lang nichts anderes als dasselbe blau-gemusterte Sitzpolster im Blick. Früher hatte er Bahnfahren geliebt. Es war etwas Besonderes, hatte etwas Majestätisches an sich. Er erinnerte sich an die roten Samtpolster, die goldenen Lehnen, die massiven Holztüren zwischen den einzelnen Abteilen. Er wünschte sich die Zeiten zurück, in denen er das Zugfahren so geliebt hatte.

Die Frau setzte sich dem Mann gegenüber.  Sie schaute ihn an. Sie wollte etwas sagen. Er aber schien  in Gedanken versunken. Draußen zog die Landschaft an ihnen vorbei. Die Strecke ging abwärts, die Endstation lag im Tal. Unterwegs stieg ein junges Paar zu und setzte sich neben den Mann und die Frau. Die Frau beobachtete das Paar. Sie erinnerte sich an früher, als sie ähnlich verliebt gewesen waren. Schöne Zeiten waren das, dachte sie. Wie albern, wie kindisch, wie naiv, dachte der Mann.

Draußen begann es zu dämmern. Das Polster, auf das der Blick des Mannes gerichtet war, erschien nun im faden Licht der Innenbeleuchtung des Zuges grau.

Die Frau beobachtete den Mann. Sie traute sich nicht, ihre Stimme zu erheben und begann stattdessen etwas in ihrer Tasche zu suchen. Der Mann betrachtete das Polster und zählte die aufgestickten Punkte. Er ärgerte sich über das Getue des Paares, denn es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren.

‚Nächster Halt: Endstation‘, erschien die Schrift auf der Neonanzeige im Zug. Der Mann erinnerte sich wieder an früher, als die Zugführer die Haltestellen noch über die Lautsprecher verkündet hatten.

Die Frau hatte unterdessen gefunden, was sie suchte. Die Folie, die um das Brot gewickelt war, knisterte hörbar, als sie es auspackte. Das Knistern ärgerte den Mann. Das Paar war gerade für einen Moment leise gewesen, und nun wurde seine Ruhe schon wieder gestört.

Er beobachtete die Frau. Sie blickte ihn an. Hinter ihm fielen ihr die Worte der Anzeige ins Auge. Sie würden in wenigen Minuten ihr Ziel erreichen. Sie schluckte. „Möchtest du dein Brot noch essen?“, murmelte sie. Es brauchte einen Moment, bis der Mann reagierte.  Schon wieder hatte er sich verzählt. Sein müdes Murren gab der Frau schließlich eine deutliche Antwort.

Der Zug wurde langsamer. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Der Mann erhob sich und stieg eilig aus dem Zug aus. Die Frau hatte Mühe, ihm zu folgen. Erst  in der maroden Bahnhofshalle holte sie ihn ein. Die Stadt hatte beschlossen, das Bahnhofsgebäude zu renovieren. Dieses Vorhaben war sinnlos, es war nichts mehr zu retten, dachte sich der Mann beim Betrachten der brüchigen Mauern und zerbrochenen Fensterscheiben. Es graute ihm davor, auch hier bald die blauen Polster der Züge ertragen zu müssen.

Sie verließen den Bahnhof und gingen zum Auto. Sie redeten nicht. Der Mann schloss den Wagen auf und setzte sich hinein, die Frau tat es ihm gleich. Gemeinsam fuhren sie davon. Das Brot war im Zug auf dem Polster liegen geblieben.

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