Fleisch oder kein Fleisch, das ist hier die Frage

                                 lebe lieber grün

Auf einmal wird es eng. Das Atrium  des Gymnasium Konz füllt sich mit Schülern, die auf den Kiosk zusteuern. Schulschluss und alle haben eins: Hunger! Doch einige stoßen hier täglich auf eine Herausforderung:  „Hilfe, ich bin Vegetarier!“                                  

Seit 2006 haben wir einen schuleigenen Kiosk, dessen Resonanz nicht größer sein könnte. Nicht nur Schüler des Gymnasiums, sondern auch Realschüler profitieren vom großen Angebot. Ein Angebot, das jedoch nicht jeden zufriedenstellt. Fleischwurst, Fleischkäse, Frikadelle: Der reine Fleischwahnsinn! Um mittags schnell etwas Warmes – bitte auch Vegetarisches – zu essen, hat man hier nur freitags eine Chance. Die Dominanz des Fleisches ist immer noch ungebrochen. Zum Teufel damit!

Dennoch nehme ich den Kiosk in Schutz: Die Entwicklung in letzter Zeit war enorm. Eine große Obstauswahl, Obstschälchen, Salate und frischbelegte Brötchen sind einige positive Aushängeschilder und die freundliche Bedienung macht den Rest. Dennoch täuscht dies nicht darüber hinweg, dass Vegetarier, hier wie überall,  immer noch die Stellung der Sonderlinge innehaben. „Ökosandalentragende, Bob-Marley-singende Gemüsefresser, die versuchen, die Welt zu verbessern.“

Eigentlich verwunderlich, beachte man doch den Einzug von Tofu, Sojafrikadellen und weiteren Sojaprodukten in den Kühlregalen der Supermärkte. Ist Vegetarismus wirklich noch so sonderbar oder ist er nicht schon längst zum Modetrend avanciert?

„Heute ist der Vegetarismus in jedem Sinn in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Iris Radisch, Journalistin der Zeit, in ihrem Artikel „Tiere sind auch nur Menschen“. Des Weiteren erwähnt sie die hohe Anzahl vegetarischer Restaurants, Kochbücher und Magazine sowie Kosmetika. Sterneköche, Promis aber auch Unternehmen erkennen den neuen profitversprechenden Trend und schließen sich der „Grünen Welle“ an. Der Bio-Boom stärkt ein neues Kaufverhalten, während ständig präsente Lebensmittelskandale in den Medien, wie der erst kürzlich heftig diskutierte Pferdefleischskandal, das Vertrauen der Verbraucher in Lebensmittel und Fertiggerichte erschüttern.

Vor allem die Jugend entzieht sich der Diktatur der Fleischlust: „Meine Mutter macht mir tierisch Stress, ich soll endlich wieder normal essen…!“, zitiert die in Bio-Läden ausliegende Ernährungszeitschrift „Schrot & Korn“ eine anonyme Schülerin, die ihre Ernährungsweise den Eltern gegenüber behaupten muss. Sie ist kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil, ich kann sie verstehen. Wie kann man sich dem Druck entziehen, wie kann man sich in unserer Überflussgesellschaft, die im Konsum schwelgt, behaupten, wie verhindere ich die soziale Isolation, die das „Anderssein“ mit sich bringt? Alle beschweren sich, niemand versucht zu verstehen.

Egal wie gesund der Fleischverzicht auch sein mag, überzeugen tut er meinen Bruder nicht, der in Fleisch die Quelle seiner Männlichkeit und Stärke sieht. „Gemüse macht nicht satt, Gemüse ist langweilig, Gemüse ist was für Mädchen. Du kannst die Welt durch deinen Verzicht auch nicht mehr retten!“ Diese Vorurteile haben die meisten. Sie wissen, was sie nicht wollen, und wollen nicht wahrhaben, was sie wissen.

„Ich habe ja vorher kein anderes Wertesystem gehabt. Ich hatte gar keins. Ich habe einfach nicht nachgedacht“, sagt Karin Duve, Autorin des Bestsellers „Anständig essen“, die sich zehn Monate lang nach den Prinzipien eines Veganers bis Frutariers ernährt und sich schließlich dazu entschieden hat, vegan zu leben, gegenüber der FAZ.  Der Veganismus ist mehr als bloß „essen“. Er steht in mehrdimensionaler Verbindung mit politischen, gesellschaftlichen, ökologischen und ethischen Anliegen als auch mit dem eigenen Gewissen.

Hinsichtlich Klimaerwärmung, Welthungerkrise und anhaltender Ressourcenverschwendung setzt die vegetarische Ernährung ein klares Zeichen gegen den Überfluss und hinterfragt die ethische Vertretbarkeit der Massentierhaltung, die immer wieder vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt wird. „Je schneller, desto besser. Hauptsache billig!“

Eines wird jedoch schnell klar: Ich kann reden, warnen, schreien. Theorie ist wirkungslos. Der Schlüssel liegt in der praktischen Umsetzung, die Zeichen setzt und zur gesünderen Lebensweise animiert. Die Kochtöpfe laufen heiß. „Bewerte nichts, bevor du es nicht probiert hast“.

Initiativen wie „Meat Free Monday“, ins Leben gerufen von Ex-Beatle Paul McCartney in Großbritannien, oder der deutsche Nachahmer „Donnerstag ist Veggie-Tag“ zeigen uns, wie vielseitig und abwechslungsreich vegetarisches Kochen sein kann. In der Mensa der Universität Trier gab es sogar eine rein vegane Woche. Solange der Akzent auf fleischfreier Ernährung liegt, sind auch mehr Menschen bereit, bei Wahlfreiheit die fleischlose Alternative zu wählen. „Die Nachfrage ist enorm“, bestätigt Heribert Massem, Küchenleiter der Mensa der Universität.

Anders die Lage am Gymnasium Konz: „Ich bin wirklich offen für Vorschläge und Wünsche der Schüler und unser Angebot ist auch schon enorm gestiegen, aber oft mangelt es an der Nachfrage“, antwortet Gisela Kleinfeld, Leiterin des Kiosk, und zeigt ihre Aufgeschlossenheit für Vegetarier und auch Schüler und Lehrer mit Allergie, z.B. durch den Kauf von laktosefreier Milch. Dieses Entgegenkommen sollte also von den Schülern genutzt werden, sodass es schon bald ein ganz neues Problem geben könnte: „Hilfe, ich kann mich nicht entscheiden!“.

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Wenn ihr euch gerne näher mit dem Thema beschäftigen möchtet, hier einige Buchtipps:

  • Anständig essen“ von Karin Duve, als Taschenbuch vom Goldmann Verlag (Amazon 9,99)
  • Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, der Spiegelbestseller als Taschenbuch (Amazon 9,99)

Oder ihr bringt einmal frischen Wind in eure Küche mit leckeren vegetarischen Gerichten:

  • Tim Mälzers neustes Kochbuch „Greenbox“ enthält nur vegetarische Rezepte – ist aber noch lange nicht langweilig! (Amazon 19,99)
  • Täglich vegetarisch“ von Hugh Fearnley-Whittingstall ist ein Genuss. Der Brite ist hier noch unbekannt, aber seine Gerichte aus dem River Cottage sind berühmt. (Amazon 24,90)

Susann W.

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