So nah und doch so fern – Hinzert

Jeder von uns kennt die Konzentrationslager Auschwitz, Dachau und Buchenwald, doch scheinen uns diese immer in weiter Ferne zu liegen. Um so schockierender ist es, zu erfahren, dass sich direkt vor unserer Nase ein ehemaliges SS-Sonderlager befindet. Nämlich in Hinzert bei Hermeskeil. Zur Erinnerung an die zahlreichen Opfer wurde dort eine Gedenkstätte errichtet.

Das Gymnasium Konz besucht schon seit einigen Jahren diese Gedenkstätte mit den 11. Klassen anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar, der an die Befreiung Auschwitz‘ erinnert.

Voreingenommen von negativen Erzählungen der höheren Stufen begaben wir uns auf die Spurensuche in Hinzert. Nachdem uns von einer Wiese mit Schafen berichtet wurde, hielt sich unser Interesse in Grenzen.

Verwundert, warum wir am Waldrand rausgelassen wurden, standen wir dann tatsächlich enttäuscht vor einer großen Wiese. Nachdem wir uns gesammelt hatten, gingen wir gemeinsam zur Gedenkstätte, wo wir freundlich von zwei Mitarbeitern begrüßt wurden. Zunächst verschafften wir uns einen kleinen Überblick an Hand von Gegenständen, welche symbolisch für verschiedene Dinge in Hinzert stehen. Man zeigte uns einen kleinen Stoffstreifen, auf welchem eine Nummer stand. Diese Nummer ersetzte den Namen des Häftlings, welcher während seines Aufenthalts in Hinzert ausschließlich mit seiner Nummer angesprochen wurde. Damit raubte man den Gefangenen das letzte Stücken Ehre, was sie hatten, und ihre Identität als Individuum.

Auch Dachpappe spielte in Hinzert eine große Rolle. Jedoch nicht aus dem Grund, den die meisten wohl vermuten, sondern weil die Gefangen aus lauter Verzweiflung und Hunger sich kleine Stücke von der Dachpappe abrissen und diese aßen. Viele der Gefangenen starben an den Folgen des Konsums oder wurden zum Teil ermordet, da man sie erwischte oder sie verraten wurden.

Am Beispiel der Gefangenen Maurice Gould und Peter Hassall wurde uns das Schicksal der Häftlinge nähergebracht. Die damals 15- und 17-jährgen Jungen waren mit einem Schlauchboot auf dem Weg nach England, um Bilder, Schriften und Aufzeichnungen der grausamen Umstände in Deutschland dorthin zu schmuggeln. Während ihrer Überfahrt kenterten sie und wurden an die deutsche Küste geschwemmt, wo sie von SS-Männern als Nacht-und-Nebel-Häftlinge nach Hinzert deportiert wurden.

Als Nacht-und-Nebel-Häftlinge werden Gefangene bezeichnet, die im Dunklen und ohne Zeugen verhaftet wurden und so von heute auf morgen verschwanden. Im Gegensatz zu den anderen Häftlingen, welche Briefkontakt mit ihren Familien führen durften, war ihnen jeglicher Kontakt mit der Außenwelt untersagt.

In Hinzert angekommen, mussten sie sich direkt an den durchstrukturierten Tagesablauf anpassen.

Typischer Tagesablauf in Hinzert:

  • abhängig von der Jahreszeit zwischen 4.00 und 6.00 Uhr aufstehen
  • „Frühstücksappell“
  • Gruppeneinteilung
  • Arbeitsappell (Waldarbeit, Arbeiten im Steinbruch, Transportarbeit,…)
  • Pfiff Mittagessen ( jeder Häftling hatte 5 Minuten Zeit, seine kochend heiße Suppe zu essen)
  • Arbeitsappell
  • zwischen 16.00 und 17.00 Uhr Abendessen
  • eventuelle Entlausung
  • Kleidungsreinigung
  • 22.00 Uhr Bettruhe

Als ob der strenge Tagesablauf unter der ständigen Kontrolle der SS-Offiziere nicht schon Qual genug gewesen wäre, kam noch erschwerend hinzu, dass Hinzert ein Lauflager war, was bedeutet, dass alle Arbeitsvorgänge im Laufschritt erledigt werden mussten. Des weiteren litten die Gefangenen unter dem dauerhaften Essensentzug und den daraus resultierenden Folgeerscheinungen (Abmagerung, Kraftlosigkeit, Schwindel, Magengeschwüre,…).

Doch von Pausen oder Urlaub konnte man nur träumen. Wer seine Arbeit nicht zur Zufriedenstellung der SS-Männer erledigte wurde auf grausame Art und Weise gefoltert.

Dabei war es oft so, dass die Häftlinge aus reiner Willkür gequält wurden. Man ließ sie beispielsweise nackt auf dem Hof antreten und besprühte sie so lange mit kaltem Wasser, bis sie zum Teil erfroren. Eine weitere beliebte Form der Folterung bestand darin, die Häftlinge so lange unter Wasser zu drücken, bis sie fast ertranken. Und das waren noch die „harmlosen“ Folterungen.

Nachdem wir uns einen ersten Eindruck über die menschenunwürdigen Ereignisse in Hinzert gemacht hatten, erkundeten wir das Gelände.

Um den Angehörigen der Opfer einen Ort der Trauer zu geben, wurde auf dem Gelände Hinzert eine Kapelle errichtet. Neben der Kapelle befindet sich heute ein kleiner Friedhof mit 217 Kreuzen, unter denen heute die Ermordeten beerdigt sind, sowie eine Gedenktafel mit Namen und Herkunft der Opfer.

In Hinzert starben mindestens 82 Luxemburger, 70 Russen, 58 Franzosen, 41 Polen, 18 Belgier und 10 Deutsche

(StattFührer Trier im Nationalsozialismus; Thomas Zuche; S.112, Z.11).

Peter Hassall gehört nicht zu den zahlreichen Toten. Er war einer der wenigen Überlebenden.

Obwohl von dem ehemaligen KZ Hinzert keine Gebäude mehr erhalten sind, war es dennoch eine interessante Erfahrung. Die Führer haben sich große Mühe gegeben, uns das Schicksal der Gefangenen näherzubringen, aber auch zu erklären, warum manch einer vom Opfer zum Täter geworden ist. So erzählte man uns von einem Häftling, welcher zum Kapo (Mitarbeiter der Lagerleitung) ernannt wurde und anschließend seine Mitgefangenen auf die gleiche grausame Art folterte, wie die SS-Männer es mit ihm zuvor gemacht hatten. Zunächst waren wir geschockt und konnten das Verhalten des Mannes nicht nachvollziehen, allerdings erzählte man uns, dass die Überlebenschancen enorm stiegen, wenn man eine solche Position hatte. Vermutlich war diese belastende Ausnahmesituation für sein kaum nachvollziehbares Verhalten verantwortlich.

Die zahlreichen Erfahrungsberichte sowie Kleidungsstücke und andere Überlieferungen machen deutlich, wie grausam die Zeit in Hinzert für die Häftlinge gewesen sein muss.

Wenn man hört, wie viele Menschen in Hinzert gestorben sind, ist es oft schwierig, sich eine Vorstellung von dem Ausmaß zu machen. Dies wird einem in Hinzert jedoch auf traurige Art und Weise bewusst, wenn man an den 217 Kreuzen und der Gedenktafel mit den Namen vorbei geht. Denn genau in diesem Moment bekommen die Toten ein Gesicht und man fängt an über ihr Schicksal nachzudenken.

Milena und ich sind der Meinung, dass es sich lohnt, sich die Zeit zu nehmen und Hinzert mal einen Besuch abzustatten.

 

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