Auf den Spuren der jüdischen Gemeinde – Stolpersteine in Konz

Heute, genau vor 75 Jahren, fand die Reichspogromnacht statt, die während der nationalsozialistischen Diktatur den Beginn der gewaltsamen Verfolgung der Juden markierte, die in den Holocaust (griechisch: völlig verbrannt) mündete. Allein in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland 91 Männer und Frauen ermordet, 191 Synagogen angezündet bzw. 76 weitere zerstört und 7000 Geschäfte jüdischer Händler überfallen und beschädigt. Insgesamt wurden von 1941 bis 1945 5,6-6,3 Millionen Menschen hauptsächlich in Konzentrationslagern (KZ)  auf das Grausamste getötet. Die Judenverfolgung fand überall in Deutschland statt. Auch die größte jüdische Familie in Konz, Familie Levy, blieb nicht verschont.

9./10.  November 1938

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Foto vom Haus der Konzer Familie Isaac Levy

Es ist Mittwoch und Mathilde Levy geht wie wahrscheinlich jeden Tag in ihrem  Lebensmittelgeschäft der Arbeit nach. Das Geschäft hat sie von ihrem Vater Isaac übernommen, der vor 4 Jahren gestorben ist. Ihre Schwester Marianne Levy arbeitet zurzeit bei der Firma Haas in Trier. Feierabend – Marianne kommt von der Arbeit nach Hause und Mathilde, auch Tilly genannt, schließt ihren Laden. Beide gehen gemeinsam zum Abendgebet in die Synagoge.

Die 25 Personen der jüdischen Gemeinde sind in der Konzer Synagoge zum Gebet versammelt. Oben auf der Empore die Frauen und unten im Erdgeschoss die Männer. Plötzlichen dringen NS-Soldaten ein und brennen die 52 Jahre alte Synagoge nieder.

Die Reichspogromnacht in Konz

Die Konzer Chronik von 1970 vermittelt Eindrücke von den Geschehnissen des Abends, die auf Berichte von Zeitzeugen zurückgehen:

Am Tage der spontanen Erhebung erschien in Konz ein Trupp unbekannter Gestalten, meist junge Männer in Arbeitskleidung mit roten Halstüchern. Sie zogen, mit Knüppeln bewaffnet, gruppenweise durch die Straßen von Konz. Die Bevölkerung starrte die fremdem Gestalten an, machte abfällige Bemerkungen und wusste zunächst nichts damit anzufangen. Aber bald sprach es sich rund: Das ist ein Zerstörungskommando, die Kerle ziehen von einem Judenhaus zum anderen, zerschlagen Fenster, Möbel, Nähmaschinen und anderen Hausrat. (…) Ein lähmender Schrecken hatte die Judenfamilien erfasst. Sie standen umher an der Straßenecken, außer sich, rechtlos, übelster Gewalt hilflos ausgeliefert. (…) Indessen schleppten die rohen Gesellen Geräte, Schriften und Bildwerke aus der Synagoge, trugen alles auf einen Haufen und steckten ihn unter lautem Gejohle an der Backbrücke, (heutige Lindenstraße) an.“

(aus: Willi Körtels, Stolpersteine in Konz, Wiltingerstraße, s.u.)

Marianne und Mathilde Levy flohen nach Südfrankreich. Ein Konzer Bürger soll beide im KZ Gurs in Südfrankreich gesehen haben. So wurden sie vermutlich bei der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Armee inhaftiert. Schließlich wurden sie 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

27. September 2013

Fast 75 Jahre später stehen wir dort, vor der Hausnummer 5 in der Lindenstraße. Unsere Religionslehrerin Frau Kasel schildert uns interessante Fakten und zeigt uns das heutige Wohnhaus, das 1957 in Privatbesitz kam. Das dort einmal eine Synagoge stand, erkennt man nicht mehr.

Wir, die Reli-Klasse 9a/b, unternehmen gemeinsam einen Exkurs in die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Konz.

Wir gehen weiter in die Martinstraße 17. Dort suchen wir Stolpersteine und nach einigen Minuten werden wir fündig. Neben dem Konzer-Doktor-Brunnen sind vor einer kleinen Treppe zwei Stolpersteine in den Boden eingelassen. Zunächst begutachten und analysieren wir die mit einer Messinghaube versehenen 10×10 cm großen Steine. Zu erkennen ist ein eingestanzter Text, der die Namen, das Deportationsjahr und den Ort der Ermordung enthält.

Vor Ort hören wir von Mitschülern Referate. Einer erzählt uns den Sinn, die Herstellung und die Idee, die hinter den Mahnmalen steckt, und berichtet uns aus der Biografie des Künstlers. Ein anderer erzählt  uns von Familie Levy, zu der die Stolpersteine gehören, und deren Geschichte. Von der jüdischen Familie Meyer aus Wiltingen und deren Lebensweg berichtet ein weiterer Mitschüler aus Quellen von echten Zeitzeugen und zeigt uns entsprechende Fotos.

Stolpersteine_Gross
Stolpersteine von Marianne und Mathilda Levy

1990 startete der Künstler Gunter Demning das Projekt zur Erinnerung an die NS-Opfer. Gewidmet wurden die in Konz liegenden Stolpersteine den Geschwistern Marianne und Mathilde Levy am 28. Oktober 2008. Sie liegen heute vor dem Haus Martinstraße 17.

Stolpersteine werden am letzten selbst gewählten Wohnort der Personen verlegt und meist kommt Gunter Demning selbst, um dies zu übernehmen so wie auch hier in Konz.

Zum Abschluss hören wir das Gedicht „Unsere Welt braucht Menschen“, vorgetragen von zwei Mitschülern und zünden Kerzen an, die wir um die Stolpersteine stellen:

Trotz der sechs Milliarden:

viel zu wenige Menschen.

Unsere Welt braucht Menschen

deren Ja ein Ja

und deren Nein ein Nein ist.

Unsere Welt braucht Menschen,

die ein offenes Wort riskieren,

wenn anderen ein Unrecht geschieht.

Unsere Welt braucht Menschen,

die lieber hergeben als kassieren.

[…]

Wir brauchen Menschen,

die nicht immer sagen,

die anderen sollen etwas tun.

Lasst uns anfangen,

Menschen zu sein!

(aus: Albrecht, Willhelm (Hg) (2010) Neuen Atem holen. Gebete und Gedanken zum Schultag an weiterführenden Schulen, S. 132)

Quellen:

http://www.konz.eu/vg_konz/Leben%20in%20Konz/Kunst%20und%20Kultur/Stolpersteine/Levy_aus_Konz.pdf

http://www.stolpersteine.com/

http://www.alemannia-judaica.de/konz_synagoge.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine

http://www.wasistwas.de/nc/aktuelles/artikel/article/die-pogromnacht-verharmlosend-als-reichskristallnacht-bekannt.html

Der Artikel von Willi Körtels ist zugänglich unter http://www.konz.eu/vg_konz/Leben%20in%20Konz/Kunst%20und%20Kultur/Stolpersteine/Stolpersteine_Gross.JPG

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6a/Bundesarchiv_Bild_175-04413,_KZ_Auschwitz,_Einfahrt.jpg

 

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