Was wir sind und was wir waren

Kleine braune Schokokugeln, verschmierte Kinderhände und ein unbeschreibliches

Glücksgefühl – meine deutlichste Erinnerung an meine Kindheit. Ein Funke der Vergangenheit, der in mir aufrichtige und unverfälschte Momente fortleben lässt, in denen Glück noch kein zwanghaft gesuchter Zustand gewesen ist, sondern etwas Pures, gar Unerwartetes. Auch heute noch brauche ich diese längst vergangenen Dinge. Kann und will sie nicht loslassen, denn sie geben mir etwas, das ich heute nicht mehr finde: Den einzigartigen, unverfälschten Moment.

Ich liebe das vertraute Rauschen alter Kassetten, meine Lieblingsserie aus den 90ern und meinen ersten Gameboy, der zwar nicht mehr funktioniert, aber mich trotzdem an damals erinnert. Es ist das Alte, das „Vertraute und deshalb nicht Bedrohlich(e), im Gegensatz zur Zukunft, die ungewiss und damit furchteinflößend ist“, behauptet auch Christoph Stöcker, Doktorand der Psychologie und freiberuflicher Autor für „Die Zeit“.

Eines vorweg, um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin erstaunt über die wahnsinnigen Fortschritte der Technik und auch über die Möglichkeiten der digitalen Musikbeschaffung, den Innovationen der Handy- und Computerprogramme. Aber ich habe keine Lust auf den Zug der Zeit aufzuspringen und mich einem Großteil der Jugend anzuschließen, der seinen Alltag verbessern und sein Leben ständig modernisieren will: Immer dem Drang nachgeben, den neuesten iPod zu besitzen, seine Lieblingsmusik lieber per Mausklick herunterzuladen, seine Vorlieben an den Charts auszurichten und Musiker anzuhimmeln, die ihr Leben selbst nicht kontrollieren können. Nein, danke. Ich weiß, dass es auch anders geht.

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Vielleicht ist die Bedeutung der Kassette oder des Game Boys in Vergessenheit geraten, denn sie bleiben nur Erinnerungsstücke, Überbleibsel einer vergangenen Zeit, in der Walkmans Musikhören unterwegs erst ermöglicht haben und in der verknallte Jungs  ihre Gefühle durch Mixtapes übermittelten. Eine Zeit, die heute oft als veraltet und unmodern abgeschrieben wird, hauptsächlich von denen, die sich nicht daran erinnern können oder nie wirklich erlebt haben, wie es war, im Garten zu toben und Baumhäuser zu bauen, die nicht die alten Klamotten der Geschwister getragen haben , sondern jedes Wochenende ihre eigenen Kreditkarten zücken, und die auch nicht ohne Smartphone, Laptop und Co. glücklich sein können. Ich bin Teil dieser anderen Generation, die irgendwo dazwischen steht, die mit der Entwicklung geht und gleichzeitig wehmütig zurückschaut. Wir sind die Generation der Nostalgie.

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  Wir sind ständig auf der Suche, das Alte im Neuen wiederzufinden. Wir wissen nicht, was wir wollen, und wollen nicht, was wir wissen. Die Retrowelle hat uns in ihren Bann gezogen: Das Smartphone schmückt eine Kassettenhülle, die Modewelt erklärt die 60er zur neuen Inspirationsquelle und der Sperrmüll meiner Oma steht plötzlich bei IKEA. Noch nie war die Betonung der Vergangenheit so populär. Wir haben Sehnsucht nach den Dingen, die uns entgleiten und wir versuchen, unser Leben zu entschleunigen, indem wir das Alte zum Neuen erheben. Es ist paradox: Um das Gefühl von damals zu empfinden, brauchen wir die Technik von heute. Der Markt hat den Trend erkannt und nutzt ihn aus. Steigert den Konsum! Schmeißt euer Geld zum Fenster raus! Ein Beispiel: Der aktuelle H&M Werbespot. Giselle Bündchen, Topmodel der 90er, läuft zu dem Hit „All Day And All Of The Night“ der Band „The Kinks“ aus dem Jahr 1965 durch Londons Straßen, trägt neue alte Klamotten und das Ganze wird von einem braunen Schleier überlagert, der uns Zuschauern das Gefühl gibt, einen alten Film zu sehen. Aber lassen wir uns nicht täuschen – H&M ist auch nur ein Unternehmen, das Zahlen liefern muss – wir sind die besten Kunden. Die Wirtschaft profitiert, unsere Taschen sind leer und wir selbst geben uns dem Glauben hin, glücklich zu sein.

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„Die Vergangenheit sieht im Rückblick immer hübscher aus als die Gegenwart“, so Stöcker in seinem 2012 erschienenen Artikel über die nostalgische Generation; das belegt den wahnsinnigen Erfolg der amerikanischen Foto-Sharing-Plattform Instagram, mit der Fotos digital verfremdet und bearbeitet werden können. Selten war digitale Fotobearbeitung so einfach und so populär, denn die Auswahl zahlreicher Filter im Polaroid-Style lässt Schnappschüsse in einem ganz besonderen Licht erscheinen: Schön, harmonisch, perfekt. Eine neue Sucht für über 40 Millionen User, die vielleicht alle nur auf der Suche nach dem perfekten Moment sind, den sie irgendwann, irgendwo schon einmal erlebt haben.

Wir sind nicht mehr das, was wir waren, aber wir wollen auch noch nicht die Zukunft sein.  Bei der Bewertung unserer nostalgischen Bewegung kann nicht von richtig oder falsch die Rede sein, solange wir uns einer Sache immer bewusst bleiben: Wir sind jetzt. In der Lage, Realität und Schein zu unterscheiden, kann das Spiel mit der Nostalgie auch etwas sehr Schönes sein, womöglich sogar ein Bedürfnis, um in unserer sich immer schneller entwickelnden Welt, die manchmal so unvorhersehbar und erschreckend erscheint, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren.

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„Wahrscheinlich wären wir ohne Nostalgie alle depressiv“, meint Stöcker und erkennt in der Nostalgie den positiven Effekt, sich das Leben ein wenig leichter und schöner zu mogeln und alle alltäglichen Sorgen für einen Moment zu vergessen – und das am besten mit Schokokugeln, alten Fotos und der verstaubten Take That CD vom Speicher.

 

Zum Weiterlesen: „Die nostalgische Generation“, von Christian Stöcker, online unter: http://www.vocer.org/de/artikel/do/detail/id/90/die-nostalgische-generation.html

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